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die IG BAU ist keine staatstragende Partei
14. Februar 2000
An die Redaktion der Frankfurter Rundschau (erschienen am 21. Februar 2000)
Fall Holzmann heizt Tarifrunde am Bau an Frankfurter Rundschau vom 10.2.2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihrem Bericht ist zu entnehmen, daß der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e.V. (ZDB) die Verhandlungen über den Sanierungsvertrag bei den angeschlagenen Baukonzern Philipp Holzmann AG zum Anlaß nehmen will, mehr Spielraum bei der Arbeitszeit durchzusetzen.
Erstaunlich mit welcher Dreistigkeit der ZDB und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V. die Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) drängen, Gespräche über eine erweiterte Flexibilisierung der Arbeitszeit für alle Betriebe der Branche zu beginnen.
Wir haben immer noch eine „Demokratie“ in diesem Lande. Mir sind keine demokratischen Beschlüsse bekannt, mit denen IG BAU-Mitglieder ihre Gewerkschaft beauftragt hätten, über eine erweiterte Flexibilisierung der Arbeitszeit zu verhandeln. Folgerichtig wird im o.g. Bericht hinzugefügt, daß eine Forderung nach mehr Flexibilisierung der Arbeitszeit für die IG BAU unakzeptabel ist.
Um Arbeitsplätze zu schaffen ist es an der Zeit, wie unsere KollegenInnen von der IG-Metall, die 30 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich auf die Tagesordnung zu setzen. Schließlich ist die IG BAU keine staatstragende Partei, die mit Schwarzgeld ihre Zustimmung in der Organisation erkauft. Die Mitglieder haben zu bestimmen, worüber verhandelt wird.
Nachdenklich stimmt mich jedoch, daß der IG BAU-Vorstand den „Holzmann-Sanierungstarifvertrag“ angenommen hat, anstatt die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich anzupacken. Während über 3500 KollegenInne ihren Arbeitsplatz bei Holzmann verlieren werden, sollen die noch übrig-gebliebenen von 1. Februar 2000 bis 30 Juni 2001 wöchentlich fünf unbezahlte überstunden leisten.
Das ist das Ergebnis des „Bündnis für Arbeit“. Alle KollegenInnen sollen 5 Stunden länger arbeiten und darauf Vertrauen, daß die überstunden ab 2002 bis 2007 abgefeiert werden. Wieso sollen die Beschäftigten überhaupt irgend etwas den Vorständen glauben, deren Aussagen in den letzten Jahren genauso glaubwürdig waren, wie die der ehrwürdigen Regierungs- und Oppositionsparteien.
Die IG BAU-Führung bekennt sich zu der im „Bündnis für Arbeit verabredeten beschäftigungsorientierten Tarifpolitik“. Wer hat sie zu solchen Verabredungen ermächtigt? Welchen Sinn ergäbe ein Betriebsrat und Gewerkschaft, wenn Unternehmer ihre Vorhaben auf diese Weise durchsetzen könnten?
In Erinnerung möchte ich hierbei rufen, daß Bankpräsident Kohlahausen sich in der Frankfurter Rundschau vom 25.November 1999 nachdenklich beklagt hatte: „Es ist beängstigend wie schnell heute Massen bewegt werden können“. Den Spitzen des Monopolkapitals macht das erwachende Klassenbewußtsein wohl zu schaffen.
Die Holzmann-Belegschaft ist am 22.11.99 nicht zwei Stunden lang bei dichtem Schneetreiben nach Frankfurt marschiert nur, um die Jobs des Management zu sichern. Ich habe mir die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein System zu sanieren, daß nur durch Korruption und Vernichtung der Arbeitsplätze der Arbeiter und Angestellten gekennzeichnet ist.
Stefano Marinello, FR vom 21.02.2000