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Diskussionspapier "Unsere Regeln taugen nichts!"
Mach
meinen Kumpel nicht an! von Jan Ole Arps
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!
Im Folgenden erhaltet Ihr ein Diskussionspapier aus dem ehrenamtlichen Bereich.
Wir wenden uns darin in deutlicher Form gegen Form und Inhalt unserer laufenden
Kampagne "Ohne Regeln geht es nicht!" und fordern eine Diskussion
ein.
Unser Ziel ist nicht die Schwächung der IG BAU in einer dramatischen, gesellschaftspolitischen
Situation, sondern im Gegenteil: Ihre Stärkung. Unserer Ansicht nach werden
wir die kommenden Jahren politisch nicht überstehen, wenn wir uns nicht
auf unsere Wurzeln - die Internationale Solidarität - zurückbesinnen
.., wir halten daher eine grundlegende Debatte über die Kampagne "Ohne
Regeln geht es nicht!" für existentiell.
Dieser Text wird zunächst von 9 engagierten Kolleginnen unterstützt,
dabei machen wir - Olaf H... und Matthias M... - uns allerdings als Autoren
kenntlich. Rund ein Dutzend weitere Kolleginnen - u.a. aus Berlin - haben darüber
hinaus inhaltliche Übereinstimmung signalisiert, verzichteten jedoch zunächst
auf eine Unterzeichnung. Außerdem wissen wir von vielen haupt- und ehrenamtlichen
Kolleginnen, dass ihnen die Kampagne mindestens "Bauchschmerzen" bereitet.
Lasst uns also in angemessener Schärfe, aber stets konstruktiv diskutieren!
Wer den Text mit seinem/ihrem Namen unterstützen will, oder aber positive
wie negative Kritik anbringen möchte, kann uns unter ------Urheber sind
der IG-BAU bekannt
Baustellenrazzien und Hauptzollämter: Relikte eines gescheiterten Umgangs mit dem "Projekt Lohndumping" am Bau im Februar 2004 begannen Bundesvorstand und Beirat der IG BAU, eine die Tarifrunde begleitende Kampagne loszutreten. Schon der Titel der Kampagne war bewusst konservativ gewählt, der Inhalt nicht minder repressiv: Vor allem mit vermehrten Baustellenrazzien sowie einer engen Zusammenarbeit mit den Hauptzollämtern sollte deutlich gemacht werden, dass am Bau "Regeln" gelten, ohne die es nicht gehe. Welche Regeln zu wessen Nutzen es aber nun durchzusetzen gilt ... bleibt offen und wird nicht diskutiert. Die großen Dumpingunternehmen reiben sich die Hände, für sie sind wir keine Gefahr.
Nun kommt die IG BAU beileibe nicht zum ersten Mal auf die Idee, Baustellenrazzien
zu fordern und durchzusetzen. Seit mehr als 12 Jahren (!) scheint dies bei weitem
der wichtigste - wenn nicht sogar der einzige - Einfall zu sein, der uns Baugewerkschafterlnnen
kommt, wenn wir von Dumpinglöhnen und "Illegalen" am Bau reden.
Dass dies ein Armutszeugnis ist, zeigt die Realität: 12 Jahre steigende
Razzienzahlen, 12 Jahre expansives Wachstum im Dumpinglohnsektor - wir haben
auf ganzer Linie versagt.
Darüber hinaus zählt die fast bedingungslose Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden
nicht gerade zu den Tugenden, die uns die Altvorderen gelehrt haben. Schon häufig
in der Vergangenheit waren es Gewerkschafterlnnen, die sich vor Uniformierten
schützen mussten, in der Rege' exekutierten ,;Ordnungshüter"
den Willen der Arbeitgeber, beispielsweise in diversen Arbeitskämpfen.
Darüber hinaus sollten die Bilanzen der Razzien M zur Sorge Anlass geben: Ja, alleine 130 Millionen € Bußgeld wurden beispielsweise in 2000 verhängt, davon allerdings ein Gutteil gegen Arbeitnehmer und insbesondere durch reibungslose Zusammenarbeit zwischen IG BAU, ZOLL, Ausländerbehörde, Arbeits- und Sozialämtern. Wir alle wissen indes, dass diese Summen - gemessen an Gewinnen aus Lohndumping-Geschäften - lächerlich ist, dass es ohne Regeln also weiterhin recht gut läuft.Warum - könnte man sich also fragen - warum verfolgen wir als Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt eine offensichtlich erfolglose und obendrein politisch mehr als fragwürdige Taktik immer und immer wieder, quasi gegen jede Warnung und auch "gesunden Menschenverstand"? Warum suchen wir nicht zumindest nach Alternativen? In diesem. Text versuchen wir, einige Erklärungsansätze aufzuzeigen und fordern diese Alternativen ein.
Um gar nicht erst missverstanden zu werden: Die Autorinnen dieses Textes sind
sich dessen bewusst, dass gerade die IG BAU in den vergangenen Jahren erhebliche
und überaus erfolgreiche Anstrengungen gegen Rassismus in den eigenen Reihen
unternommen hat. Wir sagen aber auch, -dass hierfür Mitte der 90er Jahre
höchste Notwendigkeit bestand: Wir hätten uns sonst nicht mehr lange
glaubhaft von rechtsextremistischen Kreisen abgrenzen können.
In dieser Zeit - als Beispiel seien hier nur Übergriffe während des
Berliner Baustreiks genannt - existierten in unserer Organisation in nicht unerheblicher
Vehemenz rassistische Denkmuster. Offen ausgesprochene Gedanken ä la "Die
Kanaken nehmen uns die Arbeitsplätze weg" waren dabei noch die harmlosesten
Rassismen, problematischer für uns war da schon die Tatsache, dass beinahe
niemand auch nur auf die Idee kam, die ausländischen Kolleglnnen könnten
eventuell auf der gleichen Seite der Barrikade stehen, wie wir und "unsere"
- deutschen - Kolleginnen.
Wir erklären uns diese Situation damit, dass sich der Gedanke "Ausländer
raus" zwar dankenswerter Weise innerhalb der IG BAU nicht mehr sanktionsfrei
kommunizieren lässt (soweit zum Erfolg unserer Kampagnen gegen Rechtsextremismus),
sehr wohl aber in erheblicher Stärke zwischen den Zeilen gelebt wird. Man
betont mittlerweile, dass es sich bei den polnischen, portugiesischen; ukrainischen,
u.s.w. Arbeitern um "Kollegen" handelt ... anschließend passt
aber immer noch ein kleines "WIR gegen DIE" zwischen die Zeilen.
Wir fordern unsere Mitglieder offensiv zur Denunziation der Kollegen auf und
organisieren dann, dass die - in der Regel ausländischen - Opfer skrupelloser
Unternehmer vor den Augen der - in der Regel deutschen -"Legalen"
abgeführt werden. "Ausländer Raus" braucht da nicht mehr
ausgesprochen zu werden: Für jene Kollegen sind wir nur der verlängerte
Arm von Strafverfolgungsbehörden - und damit zu Recht: Gegner. So sind
wir letztendlich Teil des Problems, nicht der Lösung.
Dazu passt, dass der Bundesvorstand regelmäßig mit allenfalls grob
geschätzten Zahlen sogenannter "Illegaler" arbeitet: So sprach
Klaus Wiesehügel noch im Jahre 2001 von "300.000 Illegalen",
nur ein Jahr später waren es plötzlich 400.000. Dabei wird das Wort
"illegal" weder definiert, noch in irgendeiner Weise differenziert.
Ist der illegal entlohnte Kollege aus Cottbus oder Saarbrücken gemeint?
Der portugiesische Kollege ohne Arbeits- aber mit Aufenthaltserlaubnis? Oder
doch der "illegal" in Deutschland lebende Kenianer?
Nicht "Illegalität", sondern das Arbeiten unter Dumpinglohnbedingungen ist unser Problem. Der Begriff der "Illegalität" trifft tatsächlich nur einen kleinen Teil der Arbeitsverhältnisse, er verschleiert, dass Dumpinglöhne sehr wohl unter legalen aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Bedingungen möglich und üblich ist.Geschätzte 90% der Dumpinglohn-Arbeitsverhältnisse sind ... absolut legal, zumindest bei oberflächlicher Betrachtung. Schon die von uns ausgehandelten Mindestlöhne alleine würden die tariftreuen Firmen und damit indirekt unsere Löhne unter Druck setzen. Ein hoher Anteil der ostdeutschen- und ein Teil der westdeutschen Firmen - wir alle wissen das - zahlen jedoch heute unterhalb des Mindestlohnes - auch auf Baustellen im Westen. Und die Mehrzahl der ausländischen Subunternehmen arbeitet hier real weder zu Mindestlöhnen, noch nach Werkvertragsverhältnissen, die genauerer Überprüfung standhalten könnten.
Dummerweise halten sie aber allen bislang bekannten Kontrollen und Razzien stand,, und das nicht ohne Grund. Der klassische Betrug: Die Kolleginnen erhalten für 40 Stunden wöchentlich den gesetzlichen Mindestlohn, arbeiten aber tatsächlich 65 Stunden. Folge: Die Papiere sind völlig korrekt, eine Überführung ist - ohne die Aussage der Kolleginnen - fast unmöglich, zumindest flächendeckend völlig unmöglich. Diesem Lohndumping, dieser Schmutzkonkurrenz werden wir mit Razzien niemals das Wasser reichen können - sie sind quasi "razzienresistent" konzipiert.
Chancenlos sind BUDIMEX, CHEMOBUDOWA oder auch WALTER-BAU, WAYSS&FREYTAG
und wie sie alle heißen allerdings, wenn die Betroffenen mit uns zusammenarbeiten!
In den meisten Fällen reicht schon eine einzige schlüssige Aussage
der Kolleginnen, um eine komplette Baustelle "hochzunehmen". Dieserlei
Aussagen bekommen aber weder wir MIT dem Hauptzollamt, und schon gar nicht das
Hauptzollamt alleine. Außerdem mutet es befremdlich an, wenn wir uns als Baugewerkschaft fast
ausschließlich an staatliche Autoritäten halten, um der Dumpinglohn-Konkurrenz
Herr zu werden - und damit an eben den "Stall", der selber großen
Anteil an der Zerschlagung unserer Löhne und Arbeitsbedingungen hat: Fast
täglich vermittelt die "Bundesanstalt", pardon: die "Bundesagentur
für Arbeit" Kolleginnen in illegal entlohnte Jobs, immer wieder verhindert
jene Bundesagentur, dass ertappte Unternehmen vom Markt genommen werden, wie
beispielsweise die IG BAU Hamburg im Dezember 2000 anhand des Dumpinglöhners
"Münchener Trockenbau" (Stundenlöhne unter 2 DM) feststellen
musste. Die vermeintlichen Kontrollinstanzen dieses Gemeinwesens stehen auf
der anderen Seite der Barrikade, sie sind definitiv keine Verbündeten.
Dies sollte endlich zur Kenntnis genommen werden.
Andere Organisationen haben bereits gelernt: Vorbei an Behörden und auch vorbei an der IG BAU arbeiten überall in Deutschland antirassistische Organisationen mit Arbeitsmigrantlnnen am Bau zusammen und setzen gemeinsam die bedrängten Rechte durch. In Berlin gelang es der Antirassistischen Initiative e.V., im Oktober letzten Jahres gemeinsam mit 20 afrikanischen Arbeitern, ausstehenden Löhne in Höhe von rund 40.000 € von den Subunternehmen der Wohnungsbaugesellschaft Mitte einzutreiben. In Hamburg organisierten 150 lohngeprellte rumänische Bauarbeiter der Siedlung Falkenried selbsttätig eine Demonstration zu ihren Arbeitgebern der dubiosen Firma "Zeitig" (Subunternehmer von Walter Bau) und wurden dabei einzig von der Organisation kanak attak unterstützt.Dass ein Umdenken mit gemeinsamer Aktion indes möglich ist, hat nicht zuletzt der erfolgreiche Arbeitskampf im Juni 2002 gezeigt. Nicht nur in Hamburg machten wir die Erfahrung, dass insbesondere die polnischen und portugiesischen Kollegen "wie ein Mann" hinter unseren Forderungen standen, soweit es ihnen möglich war. In der Regel stellten sie zumindest die Arbeit ein, während wir auf ihren Baustellen waren oder Streikposten aufstellten.
Gewerkschaften sind die Interessenorganisationen der Arbeitnehmerinnen, im besten Fall auch Kampforganisationen zur Durchsetzung bedrohter Interessen. Gewerkschaften sind NICHT: Sfrafverfolgungsbehörden oder deren Helfershelfer. Hätten sie sich -Frühzeitig so entwickelt, wären sie auch nie erfolgreich geworden. Die Kampagne "Ohne Regeln geht es nicht" steht dem Gewerkschaftsgedanken entgegen. Sie ist falsch.
Wir wollen die Zusammenarbeit mit Flüchtlingsräten, Migrantenorganisationen
und antirassistischen Initiativen. Wir fordern regelmäßige, aggressive
Kampagnen gegen die bekanntesten Dumpingbetriebe zum Zwecke der Rufschädigung
und Schließung. Es wäre ein schlechter Scherz, wenn eine der größten
Baugewerkschaften der Weit nicht einzelne Unternehmen vom Markt kämpfen
könnte.