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Kinderschutzbund, Offener Brief
Betr.: Gastkommentar "Kinderpolitik ... steckt noch in
den
Kinderschuhen"
im Gewerkschaftsheft "Erziehung und Wissenschaft", Heft Nr. 12/96
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Wilken,
wir kommen heute mit diesem Schreiben auf Sie zu, weil wir zur angestrebten Kinderpolitik eine Diskussion über ein Gesundheitsrisiko anregen wollen, daß der Deutsche Kinderschutzbund bislang übergangen hat.
Ihrem Kommentar entnehmen wir, daß Kinder- und Jugendverbände, Wohlfahrtsorganisationen und Kommunen der Situation, dem Schicksal und den besonderen Belastungen, unter denen die Kinder leiden müßten, mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde als je zuvor. Und daß auch die breite öffentlichkeit, die Medien und nicht zuletzt die Werbung für Markenartikel sich den Kindern gewidmet hätten oder besser gesagt: Sie benutzt hätten.
Diese Erkenntnisse helfen allerdings den leidenden Kindern recht wenig, wenn man weiß, daß in der BRD über 53 % der Kinder zu Hause dem Gesundheitsrisiko des blauen Dunstes ausgesetzt sind! Sie selbst bemängeln: "Vom Reden zum Handeln ist ein Riesenschritt". Warum ist dann der Deutsche Kinderschutzbund 1991 nicht auch der Koalition gegen das Rauchen beigetreten. Wie dies über 120 Organisationen, Institutionen und Vereinigungen taten? "Rauchende Eltern sind die größte Umweltgefahr für die Kinder", lautete ein Bericht in der Frankfurter Rundschau. Wenn es darum geht, Kinder vor der größten Umweltverschmutzung in Innenräumen zu schützen, dann läßt die Aufmerksamkeit plötzlich nach.Sie kommentieren zwar: "Es gibt viel Empörung darüber, daß der Stellenwert der Kinder in der Politik zu gering ist, ihre Gesundheit, ihre soziale Sicherheit, ihr Aufwachsen in Geborgenheit und ohne Armut den Haushaltskonsolidierungen geopfert wird." Doch in Anbetracht dessen, daß viele Eltern den Stellenwert ihrer Kinder selbst vernachlässigen und sie im blauen Dunst ersticken, nützt es also wenig, sich nur über unsoziale Haushaltskonsolidierungen zu empören.
"Arme qualmen mehr als Reiche" stand in der Frankfurter Neue Presse. Viele Familien verqual-men jeden Monat bis zu 600.- DM, und die Mutter geht dafür putzen. Warum sieht der Deutsche Kinderschutzbund darüber hinweg, daß die Lebensqualität und die Zukunft dieser Kinder der Sucht geopfert wird?
In den Jahren 1977 bis 1985 wurde eine Kohortenstudie mit etwa 8500 Kindern und Jugendlichen in Mannheim und in Raum Freiburg-Breisgau-Hochschwarzwald durchgeführt. Die Auswertung der Ergebnisse von Erich Wichmann und seine Mitarbeiter von GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Neuherberg, und der Bergischen Universität, Wuppertal, liegen jetzt vor. Danach waren Kinder in den Städten deutlich höher mit Tabakrauch im Haushalt belastet als im ländlichen Unter-suchungsgebiet. Die Symptome nahmen mit dem Ausmaß der Belastung zu. Am stärksten erhöhte das Zwangsmitrauchen die Häufigkeit für Husten im Herbst und Winter (plus 23-55%), sowie das Auftreten von Atemwegsinfekten (14-25%). Noch drastischer war die Wirkung des Aktivrauchens bei Jugendli-chen. Obwohl diese im Schnitt erst 2 Jahre rauchten, waren die Atemwegsinfekte gegenüber Nicht-rauchern mehr als verdoppelt und Husten mehr als verzehnfacht. Die in der Studie ebenfalls untersuch- ten gesundheitlichen Auswirkungen von Umweltbelastungen, z.B. durch Stickoxide, Schwefeldioxid, Rußpartikel oder Ozon, lagen deutlich unter denen des Passivrauchens oder der kurzen Aktivrauch-phase der Jugendlichen. Tabakrauch ist also im Vergleich zur Umweltbelastung unschlagbar!
Dies alles scheint der Deutsche Kinderschutzbund nicht wahrzunehmen oder nicht wahrnehmen zu wollen. Warum hat eigentlich der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes und Bürgermeister von Dormagen Hans Hilgers, unser Schreiben (Ablichtung) vom 12.04.1995 bis heute nicht beantwortet? Nikotinabhängig soll er angeblich nicht sein, Herr Hilgers wird doch nicht etwa das Zwangsmitrauchen befürworten?
Wer also den Schutz der Kinder vor Umweltgefahren (niedrigere Ozonverordnung usw.) als vordringliches Ziel sieht und Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor das Luftschadstoffgemisch "Tabakrauch" ignoriert, disqualifiziert sich selbst und letztlich auch seine Vereinigung. "Wer im Beisein von Kindern raucht begeht Kindesmißhandlung" äußerte sich zurecht Prof. Dr. med. Bernhard Kornhuber, Leiter der Kinderkrebsklinik in Frankfurt am Main
Sollte der Deutsche Kinderschutzbund mit der angestrebten Kinderpolitik es wirklich ernst meinen, dann müßte er im Sinne eines glaubwürdigen Kinderschutzes auch die Bekämpfung der Atemluftverdreckung durch Tabakrauch in seiner Satzung aufnehmen und sich der Koalition gegen das Rauchen anschließen. Dies wäre ein kostenneutraler, ernsthafter Ansatz, um die Kinderpolitik aus den Kinderschuhen zu reißen. Die Eltern könnten dann den Kindern bessere Entfaltungsmöglichkeiten bieten, weil das nicht sinnlos verqualmte Geld zur Verfügung stehen würde.
Wir wollen hoffen, daß die Würde der Kinder oder der Kinderschutz nicht nur große Worte sind, um die Daseinsberechtigung, der von Ihnen aufgeführten Institutionen Kinderkommission beim Deutschen Bundestag, kommunalen Kinderbeauftragte, Kinderbüros und letztendlich auch des Deutschen Kinderschutzbundes zu rechtfertigen.
Mit freundlichen Grüßen