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Schreiben an BR-Kollege Bernd

Bernd Bernd,
An der Gehespitz 50
Neu-Isenburg
Frankfurt, 19. Juni 2000

Lieber Bernd,

aus dem Spiegel-Interview mit Holzmann-Chef Konrad Hinrichs, vom Mai 2000 habe ich folgende irreführende Ausführung entnommen: “Ursprünglich hatten Arbeitnehmer Lohnkürz-ungen zugestimmt, um ihren Beitrag zur Sanierung zu leisten.” Also ursprünglich war es ein Lohn- und Arbeitszeitdiktat der Banken, worauf der Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Mahneke eingegangen ist. Wir, die Belegschaft, sind doch darüber nie befragt worden. Der Beitrag, der angeblich eine Art Darlehen in Form von unbezahlten überstun-den sein soll, wird doch nur unter der Bedingung nach Jahren ausgezahlt, daß der Konzern genügend Gewinne ausweist.

Obwohl sich die Philipp Holzmann in eine Ergänzugsvereinbarung, gegenüber unserer Gewerk-schaft, die IG BAU verpflichtet hat, den Sanierungs-Tarifvertrag vom 10. April 2000 erst dann durchzuführen, nachdem der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e.V. und der Haupt-verband der Deutschen Bauindustrie e.V. gegenüber unserer Gewerkschaft schrift-lich erklärt haben, daß sie bezüglich dieses Tarifvertrages ihre Rechte aus den §§ 19 Satz 2 BRTV-BAU, 14 Nr. 3 Satz 2 RTV Angestellte/Poliere nicht in Anspruch nehmen, wird auf Anordnung des Vorstandsvorsitzenden Konrad Hinrichs täglich eine unbezahlte Mehr-arbeitsstunde verlangt. Bis heute haben doch die Unternehmerverbände nicht verzichtet, die Bestimmungen des sogenannten Sanierungstarifvertrags auch in anderen Unternehmen anzuwenden.

Dies wundert einen nicht, wenn man in einer Frankfurter Zeitung folgendes liest: “Hinrichs Leitlinie ist es, mit weniger eigenen Beschäftigten mehr Leistung zu erbringen. ‚Manpower, Ingenieurwissen und Maschinen‘ müsse man da einkaufen, wo sie am billigsten sind, vor allem bei ausländischen Subunternehmern”. Seine Grundhaltung faßte unseren neue Vorstandssprecher so zusammen: “Macht hat den Vorzug, sich nicht mehr mit jedem Dummkopf herumschlagen zu müssen.”

In Anbetracht also, daß 3800 Kolleginnen und Kollegen ihren Arbeitsplatz bei Holzmann verloren haben, ist eine Verlängerung der Arbeitszeit unannehmbar. Jede Verlängerung der Arbeitszeit vernichtet weitere Arbeitsplätze. Weitere Arbeitsplatzvernichtung hat Herr Prof. Hinrichs gege-nüber dem Magazin DER SPIEGEL angekündigt, “..ich werde vor allem das Auslandsgeschäft forcieren und das klassische Baugeschäft im Inland erheblich abbauen. Dieser Markt ist erschöpft, der gibt nichts mehr her.” Offensichtlich verspricht er sich aber von uns - um in seinem Sprachgebrauch zu bleiben - einen “Sanierungsbeitrag der Dummköpfe”.

Lieber Bernd, auf der Landeskonferenz Angestellte, Poliere und Meister in Fulda hast Du dich zurecht über die Hohe Arbeitsbelastung und lange Arbeitszeiten bei der Philipp Holzmann beklagt. Doch Andererseits unterstützt Du den umstrittenen, sogenannten Sanierungsbeitrag (44 Stunden/Woche), wie vereinbart sich das?

In der Pause habe ich Dir dann meine Verwunderung zum Ausdruck gebracht. Daraufhin hast Du mir geantwortet: "Es wird sowieso ständig länger gearbeitet". Kannst Du mir nun erklären, wozu dann der Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung, die 44 Stunden/Woche fordert, unterschrieben hat?

Als Gewerkschafter ist Dir sicher nicht entgangen, daß viele Menschen in Deutschland und Europa von Arbeitslosigkeit bedroht oder bereits betroffen sind. Die Statistiker melden doch, daß etwa 18 Millionen Arbeitslosen in der EU registriert sind. Darüber hinaus schätzen Fachleute, daß mehr als 30 Millionen Menschen Arbeit gegen Bezahlung suchen.

Tagtäglich erklären uns Politiker und Verbandsfunktionäre die Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätze zum wichtigsten Ziel. Immer neue Vorschläge und Programme zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit werden eingebracht und beschlossen. Wirtschaftsverbände, Bundesbank und Sachverständigenrat fordern von den Gewerkschaften weitere Lohnzurückhaltung. Aber es ist längst erwiesen, daß dadurch keine Arbeitsplätze gesichert oder gar geschaffen werden. Gewinnsteigerungen und Steuererleichterungen für Unternehmer haben gleichzeitig zur Vernichtung 100.000der Arbeitsplätze beigetragen.

Auch Dir ist bekannt, daß bei der Philipp Holzmann seit Jahren überstunden in Zeitkonten geführt werden. Nun mißbraucht das Management die Holzmannkrise um diese Widrigkeit zu legalisieren. Die Belegschaft wird zum solidarischen Handeln aufgerufen. Wir sollen unentgeltlich 5 Stunden pro Woche arbeiten. Der Vorstandsvorsitzende Hinrichs äußerte sich öffentlich: “Wir werden den Sanierungsbeitrag Brutal und Rücksichtslos durchsetzen.”

Das haben wir gemerkt! Der BR ist umgangen und hintergangen worden. Der Abzug der s.g. “Mahnekestunden” läuft bereits. Eine seltsame Solidarität. Solidarität mit wem? Etwa mit der Deutschen Bank!? Die den Verkauf von Holzmann vorbereitet? Kein Investor wird Interesse zeigen, die sogenannte “Mahnekestunden” zurückzuzahlen.

In Anbetracht also, daß in Europa mehr als 30 Millionen Menschen Arbeit suchen, dürfte wohl das Wort “Solidarität” hier fehl am Platze sein! Es ist doch Offensichtlich, was die Manager vor haben. Der Tarifvertrag, der uns einen Mindesteinkommen garantiert ist ihnen ein Dorn im Auge. Daß dürfte wohl auch der Grund sein, warum viele Holzmann GmbH´s keinem Arbeitgeber-verband beigetreten sind. Durch die Hintertür versucht das Management den Samstag als Regelarbeitszeit wider einzuführen, allerdings verteilt auf fünf Tage. Es will auch Individualverträge durchsetzen. Wenn wir nicht aufpassen, wird hier Willkür Tür und Tor geöffnet.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf Hinweisen, daß das BetrVG mehr oder weniger geschickt den Eindruck erweckt, der “Waffengleichheit” zwischen Arbeitnehmern und Unter-nehmer - um davon abzulenken, daß es in der Hauptsache ein Gesetz für die Unternehmer ist. Betriebsräte werden verpflichtet zur vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Unternehmern und daran gehindert, Arbeitskämpfe zu unterstützen. Doch Betriebsräte haben sich verpflichtet darüber zu Wachen, daß Gesetze, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen eingehalten werden.

Wir können in der Betriebsgruppe am 17. Juli 2000 gerne darüber reden.

Mit kollegialen Grüßen
Stefano Marinello

Kopie an:
IG BAU
Betriebsräte