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"So deutlich und mutig wie Jesus sind wir noch lange nicht..."

Predigt von Pater Gregor Böckermann, in der St. Josef Kirche, Höchst (siehe Kommentar)

Schwester Roswitha meinte am Telefon: "Bei Gandhi habe ich gelesen: Wer Aktionen zivilen Ungehorsams begeht, muss auch die Konsequenzen tragen. Also sollten wir uns doch mal überlegen, ob wir die Rechnung der FRAPORT AG bezahlen".

Was war geschehen? Am Karfreitgag 2003 hatte die Initiative Ordensleute für den Frieden (IOF) versucht, in einer Protestaktion gegen den Irak-Krieg auf das Rollfeld des Frankfurter Flughafens zu gelangen, um dort ein Holzkreuz aufzustellen. Dabei waren zei Zäune durchschnitten worden. Markus, Heike und ich waren zu je 30 Tagessätzen verurteilt worden. Jetzt fordert die Flughefengesellschaft 1. 685,90 EURO für die Reparatur der beiden Zäune. Bedeutet, die Konsequenzen dieser Aktion zivilen Ungehorsams zu tragen, die Rechnung zu zahlen?

Wie waren wir in der IOF überhaupt zu Aktionen zivilen Ungehorsams gekommen? Im Jahre 1990 hatten wir drei Tage lang eine Slumhütte vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt aufgebaut. Unsere Forderung: Schuldenstreichung für die Dritte Welt. Bei den folgenden monatlichen Mahnwachen merkten wir langsam: Es geht nicht nur um die Armen in der sogenannten Dritten Welt. Auch in frankfurt werden die reichen immer reicher und die Armen immer ärmer und zahlreicher. Bei der jahrelangen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem haben wir uns anschließend vor allem mit der bestehenden Geldordnung und dem Zinsnehmen befasst. Heute können wir sagen: Der Zinsmechanismus bewirkt, dass sich notwendigerweise eine kleine Minderheit auf Kosten der Vielen bereichert. Diese Superreichen werden ihre Privilegien aber nicht freiwillig aufgeben. Dehalb sind wir, mit viel Zögern und Zaudern, zu Aktionen zivilen Ungehorsams übergegangen. Wir wollen deutlich machen: Dies Unrechtssituation wird nur durch Druck von unten verändert.

Ankettaktionen, Straßenblockaden, Menschenteppiche, Auskippen von Gülle vor der Deutsche Bank waren einige Zeichen unseres Protestes. Die Konsequenzen daraus? Nie hat die Deutsche Bank in Frankfurt uns angezeigt wegen Nötigung, Sachbeschädigung oder andere Delikte. Die Filiale der Deutsche Bank in Köln dagegen erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Und das Bundeskanzleramt in Bonn wegen Bannmeilenverletzung. Monika-Maria, Marianne, Heike und ich haben deswegen einige Tage im Gefängnis gesessen: Ersatzfreiheitsstrafe bzw. Beugehaft.

Für mich waren die Tage im Gefängnis eine wichtige Erfahrung. Um mich selbst auf den Arm zu nehmen, denke ich manchmal bei mir: Wenn wir im kapitalistischen Unrechtssystem Widerstand geleistet haben, werden wir im nachfolgenden System vielleicht als Widerstandskämpfer "gefeiert"... Auf keinen Fall möchte ich später einmal das Dilemma erleben, in dem unsere Eltern und großeltern steckten, als wir sie fragten: "Warum habt ihr keinen Widerstand geleistet gegen Hitler und den Nationalsozialismus? Ihr wusstet doch... ". Wir wissen heute, dass unser kapitalistisches Wltschaftssystem über Leichen geht, die Umwelt ausbeutet und den kommenden Generationen nur geringe überlebens-chancen lässt. Auch uns wird man mit Sicherheit fragen: "Warum habt ihr kein Widerstand geleistet?"

Haben wir etwas erreicht? Man könnte entgegnen: Nein, den die Situation der Armen in unserem Land und in der sogenannten Dritten Welt hat sich in den letzten Jahren eher verschlechtert. Aber dann denke ich an die Kampagne Erlassjahr 2000. Mit über 20 Millionen Unterschriften weltweit forderte sie eindrucksvoll Schuldenstreichung für die überschuldeten Länder des Südens. Dann kam die globalisierungskritische Bewegung Attac, die alleine in Deutschland heute weit über 10.000 Mitglieder hat. Sie fordern nicht nur Schuldenstreichung für die Länder des Südens sondern "demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte" (Tobin-Steuer, Schlißung der Steuer-Paradiese, ...).

Oder ich denke an die Hunderttausende, die in diesem Jahr auf die Straße gingen, um gegen die Agenda 2010 und den Sozialabbau der regierung in Berlin zu protestieren. Für mich alles eindrucksvolle Zeichen der Hoffnung für die Armen.

Auch für uns selbst haben wir etwas erreicht; Wir sind mutiger geworden im Auftreten und klarer in unseren Aussagen. Wir tragen unseren Protest nicht mehr nur vor die Deutsche bank, sondern vor Parlamente und in Dome (wie in Köln, Mainz oder Frankfurt geschehen). Vor allem letzteres: ein schwieriger, aber wichtiger Schritt für Ordensfrauen und -männer.

Doch so deutlich und mutig wie Jesus sind wir noch lange nicht. Er, der wenige Tage vor seinem Tod mit einer aktion zivilen Ungehorsams im Herzen des damaligen Unrechtssystems, dem Jerusalemer Tempel, sein Schicksal besiegelte. Gott fordere keine Opfer, schon gar nicht von den Armen, warf er den Mächtigen vor. Wann werden wir den Mächtigen von heute so deutlich widerstehen?

Die Rechnung der FRAPORT AG werden wir aber nicht bezahlen, auch wenn die dritte Mahnung inzwischen 18,36 Euro Zinsen berechnet.