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Mitmachen – Mitdenken – Mitgestalten
– Mitverändern ... |
Offener Brief an rauchende Christen
Ffm., 04.11.1995
Betr.: "Gemeinsam Kirche sein. (Mitdenken, Mitentscheiden, Mitgestalten")
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gemeindemitglieder!
Als Vorsitzender der o.g. Vereinigung habe ich lange überlegt, ob ich als Mitglied der St. Bernardsgemeinde der Einladung zum "Feier"-Abend am 4. November 1995 folgen sollte. Erfahrungs-gemäß Ist ein "gemütliches Beisammensein" nämlich derart verqualmt, daß jeder Umwelt- und gesundheitsbewußte Christ der Frankfurter Außenluft im Vergleich Kurortqualität beimessen würde. Meine Freude darüber, daß trotz der "dekorativen" Aschenbechern niemand geraucht hatte, stellte sich rasch als Selbstbetrug heraus. Obwohl im Pfarrgemeindesaal einige Kinder und auch ältere Gemeindemitglieder mit Herz- und Kreislaufkrankhieiten anwesend waren, wurden gegen 20.15 Uhr die ersten Zigaretten angezündet. Beschämend finde ich hierbei, daß der amtierende Pfarrgemeinderat bis jetzt nicht den Mut gefunden hat, verbindliche Regelungen zu schaffen. Der Pfarrer meinte lediglich: "Es ist in den letzten Jahren schon besser geworden, ich z.B. habe das Rauchen bereits vor 15 Jahren aufgegeben." Daraufhin bat ich höflich aber bestimmt einige Gemeindemitglieder auf das Rauchen zu verzichten. Überrascht hat mich allerdings ein junger PGR-Kandidat von kräftiger Statur mit blondem Zopf. Er war einsichtig und meinte: "Sie haben Recht. Ich habe nicht daran gedacht; ich kann auch draußen rauchen.""
Anders dagegen ein älteres Gemeindemitglied, ca. 45 Jahre alt, ein Bekannter der Fam. Falk: Es setzte sich provokativ über die elementarsten Bedürfnissen anderer hinweg und wählte die Auseinandersetzung. Es meinte: "Ich sehe das anders als Sie; ich lasse mir das Rauchen nicht verbieten!" Er wechselte den Tisch und vergiftete weiterhin die Innenraumluft. Ist etwa die Duldung (Toleranz) der Suchtbefrie-digung die moderne Art der Nächstenliebe? Auf jeden Fall kann ich nicht zusehen, wie skrupellose Heuchler anderen Mitmenschen rücksichtslos Schaden zufügen. Ich handelte emotional wie Petrus, als die Römer Jesus verhaften wollten: Ich nahm dem Provokateur die Zigarette weg. Außerdem verteilte ich Flugblätter mit der Überschrift "Jesus lebt - und raucht Zigaretten !". Ein ca. 65 Jahre alter Befürworter des Zwangsmitrauchens zerriß ein Flugblatt und warf es mir auf den Tisch mit der Bemerkung: "Das können Sie für die Toilette benutzen." Diesem Herrn empfehle ich das Buch "Jesus- der erste neue Mann" von Franz Alt. Vielleicht begreift er dann mein Anliegen.
Die gleichgültige Haltung der duldsam leidenden Gemeindemitglieder muß unweigerlich zu Auseinandersetzungen führen. In was für eine Gemeinde bin ich da nur geraten! Gerne denke ich an die gemütlichen Beisammensein in der Martin-Luther-Gemeinde; Blumenduft statt Tabakluft erfüllte dort den Saal. Wenn es um Gesundheit geht, sollte besonders in einer christlichen Gemeinde die schadstoffverursachenden Nikotinliebhaber Rücksicht üben und nicht die Leidtragenden Duldsamkeit. Meinen Sie nicht auch? In Artikel 2 Abs. 1 und 2 des Grundgesetzes heißt es doch: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt..." und: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit..."
Diese ethischen Forderungen werden bekanntlich zu wenig beachtet, Vernunft und Rücksichtnahme sind viel zu oft ohne Verbote nicht durchsetzbar. Beispiel: Häufig werden Menschen durch das Zwangsmitrauchen nicht nur belästigt, sondern einem ernstzunehmenden Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Bereits bei kurzen Expositionen treten Schwindel und Kopfschmerzen sowie Reizwirkungen auf Augen, Nasen- und Rachenschleimhäute auf.
Wir wissen, daß unsere nikotinabhängigen Mitmenschen zeitweise das Rauchen einstellen können, doch niemand kann das Atmen unterlassen. Gemeindeeinrichtungen dürfen meines Erachtens nicht Ersatz einer Kneipe werden. Mit Freude denke ich daher zurück, wie Bischof Dr. Franz Kamphaus aus Limburg von der Kanzel predigte, daß Rauchen als eine arge Unhöflichkeit, als eine aufdringliche Ungeselligkeit einzustufen sei.
Im Gemeindebrief vom Oktober 1995 wird schließlich hervorgehoben, daß die Gemeinde ihre Aufgabe nur dann erfüllen kann, wenn alle ihre Verantwortung für das Ganze sehen und wahrnehmen. Doch wie können umwelt- und gesundheitsbewußte Gemeindemitglieder "mitdenken, mitentscheiden und mitgestalten", wenn sie aus Furcht vor den Gefahrenstoff Tabakrauch lediglich in die Kirche gehen und vorziehen, dem übrigen Gemeindeleben fernzubleiben? Mitdenken ist einfach, doch das Nachdenken scheint vielen Gemeindemitgliedern schwer zu fallen. Ich hoffe, daß der neue Pfarrgemeinderat mehr Zivilcourage aufbringt als sein Vorgänger. Ich rege daher an, daß sämtliche Aschenbecher aus der Gemeinde entfernt werden und daß der neue Pfarrgemeinderat sich zur Aufgabe macht, Kinder und ältere Mitmenschen nicht nur vor den Gefahren des Teufels zu schützen, sondern auch vor denen des Zwangsmitrauchens. Nicht nur über Luftbelastungen meckern, wir müssen dagegen auch etwas tun!
Ich bitte um Stellungnahme.
Mit freundlichen Grüßen
Stefano Marinello