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Mitrauchen? Nein Danke! – Kein Rauch soll uns mehr trennen!

 

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Angestellten-Magazin 5/93

An den Bundesvorstand des DGB Postfach 2601, 40476 Düsseldorf

Frankfurt am Main, 05.05.1992

Betr.: Berichte im Angestellten-Magazin 5/93, Seite 35 bis 37

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Mit Empörung habe wir Ihren Bericht "ZUR SACHE" verfolgt. Es liest sich wie eine allgemeine Gleichgültigkeitserklärung gegenüber dem sozialpolitischen Programm des DGB.

Einerseits berichten Sie: "... Im übrigen hat die Redaktion schon eine Meinung zu Anzeigen. Wir halten sie - auch die der Zigarettenindustrie - für eine Bereicherung des Heftes. Und die Erlöse tragen dazu bei, das Angestellten-Magazin in dieser Form zu erhalten. Nach unserer Meinung könnten es ruhig immer ein paar mehr sein." Andererseits wird im Abschnitt "C. Gesundheit" des sozialpolitischen Programms des DGB von 1990 ausgeführt: "Leben und Gesundheit sind das höchste Gut, sie dürfen nicht dem Gewinnstreben geopfert werden. Die Bekämpfung von krankmachenden Faktoren - sei es in der Arbeitswelt oder der allgemeinen Umwelt - ist eine zentrale Aufgabe gewerkschaftlicher Politik." Folgerichtig wird auch in den WSI-Mitteilungen 9/91. S. 524, Absch. 3 "Arbeit macht Krank" berichtet: "... Anders als bei den Arbeitsunfällen und Infektionskrankheiten liegen diesen Erkrankungen langfristige, komplizierte und ("verdeckte") Wirkungsprozesse zugrunde. Überlagert wird dieser Prozeß oft von weiteren Faktoren, durch persönliches Fehlverhalten, wie z.B. das Rauchen, woraus sich zusätzliche vermittelte Wirkungsketten ergeben.“ Diese Defizite des Arbeitsumweltschutzes gegenüber dem Umweltschutz, gefährden sehr stark die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften in punkto ihres Eintretens für den Umweltschutz, und zwar sowohl bei ihren Mitgliedern als auch bei einer kritischen Öffentlichkeit. Die Vielzahl der Untersuchungsergebnisse über den Zusammenhang von mangelnden Arbeitsumweltschutz und Gesundheitsrisiken werden einfach ignoriert. Wie passt dies alles mit den Ansichten und der Meinung der Redaktion zusammen ?
Leider geben sich die Gewerkschaften in der Frage des Tabakkonsums auffällig bedeckt und verweigern sogar Arbeitnehmern, die einen betrieblichen Schutz vor dem Zwangsmitrauchen fordern, ihre Solidarität. Obwohl den Gewerkschaften bekannt ist, daß bereits seit 1985 das Zwangsmitrauchen als Passivrauchen in den MAK-Listen-Abschnit B. "Stoffe mit begründetem Verdacht auf krebserzeugendes Potential" aufgeführt wird. Bei der Zusammenstellung der MAK-Liste forderte jedoch 1987 der stellvertretende DGB-Vorstandsmitglied Gerhard Muh, im Interesse der Gesundheitsprävention, öffentlichkeitswirksam auf "marktpolitisch motivierte Bestrebungen" zu verzichten und den Abschnitt B. als "Eindeutig krebserzeugende Arbeitstoffe" auszuweisen.

Doch die Untätigkeit des DGB auf dem Gebiet des Zwangsmitrauchens könnte also durchaus selbst "marktpolitisch motiviert" sein - eine - "unheilige Allianz" von Gewerkschaften und Tabakindustrie. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade der DGB-Positionen der Tabakindustrie vertritt, die vor 126 Jahren von Zigarrenarbeitern mitgegründet wurde. Den Gipfel von Verantwortungslosigkeit stellt ein Betriebsratsmitglied dar, der sicher auch ein hohes Amt in der NGG bekleidet. Heinz Burger, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Philip Morris GmbH, führt in seinem hemmungslosen Bericht "Neue Marktanteile gewinnen" aus: "Bisher war es für mich immer ein Erfolgserlebnis, wenn ich die Zusage unserer Geschäftsleitung für eine neue Anzeige im Angestellten-Magazin erreicht hatte. ... Dennoch gibt es Menschen - darunter leider auch Gewerkschafter - die nicht in der Lage sind, die wirklich wichtigen Themen zu erkennen."
- Ein Drogendealer hätte für die Werbung seiner todbringenden Produkte auch keine besseren Argumente finden können. -
Auffallend ist hierbei, daß überwiegend Nikotinabhängigen sich für die Legalisierung von Rauschgifte einsalzen. Wer will dann bestreiten, daß auch die Werbung für Haschisch, Heroin, Kokain usw., Tausende von Arbeitsplätze sichern würde?
Gegner des Zwangsmitrauchens sind daher durchaus in der Lage wichtige Themen zu erkennen, denn was kann wichtiger sein als die Gesundheit? Für die Primärprävention in der Gesundheitsförderung fordern wir unter anderem, schließlich auch ein Verbot der offenen und versteckten Werbung für den Tabakkonsum.

Die Tabakindustrie wehrt sich natürlich gegen ein Werbeverbot. Sie behauptet nämlich, daß durch die Werbung nur Raucher angesprochen werden. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. "Mein Job war es, Kids zu einer Droge zu bringen, die tödlicher ist und süchtiger macht als Kokain und Heroin", sagt Dave Goerlitz, Werbestar der Winston- Zigarette (ARD-Film vom 3.12.1992 "Komm ins Land der Leichen").

Muriel Mirak-Weißbach, Mitbegründerin der Anti-Drogen-Koalition in Deutschland und Italien, führt in ihrem Buch "Der gerechte Krieg - Das Rauschgiftkartell Besiegen" auf Seite 275 aus: "Zu den Klienten der angesehenen New Jorker Kanzlei Arnold & Porter gehört auch die Firma Philip Morris, die ein notorisches Interesse am Drogenhandel zeigt." Gewisse Verbindungen zwischen Philip Morris-Manager und den "Drogen- Baronen" bestanden auffallend auch im bereits genannten ARD-Film.

Erschreckend ist hierbei wenn man erfahren muss, daß Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, aus dem Sonderforschungsbereich 227. Prävention und Intervention im Kinder- und Jugendalter der Universität Bielefeld herausgefunden hat, daß Tabakrauchen für Kinder und Jugendliche ein großes Risiko darstellt und als Einstiegsdroge für die illegalen Substanzen wie Haschisch, Heroin, Kokain und Amphetamine gilt!

Beschämend und geradezu verbrecherisch ist es, daß in gewerkschaftlichen Jugend-Magazinen mit "Ich rauche gern" und "Rauchen verbindet", für den Tabakkonsum geworben wird! Zumal der kritische Beobachter immer nur rauchende Rauschgiftsüchtige im Drogensumpf abgleiten sieht l Und dafür soll auch noch geworben werden? Dies passt nicht in das Bewußtsein eines Gewerkschafters! Kollegen/-innen, die diese verantwortungslose Werbung unterstützen, disqualifiziert sich selbst und letztlich auch den Ruf der Gewerkschaften und verschaffen unseren Widersachern Gegenargumente zu unseren Forderungen in der Sozial- und Gesundheitspolitik.

Als Gewerkschafter dürfen wir nicht zulassen, daß für eine gesundheitsschädigende Verhaltensweise in den Gewerkschafts-Magazinen geworben wird, welches soziales Elend verursacht - der Tabakanbau verschlimmert besonders in Länder der "dritten Welt" die Brennholzkrise, die Verwüstung von fruchtbaren Boden und die soziale Misere.
Kollege Kavin V. Mannerings verdient hohe Annerkennung für seinem Bericht "Keine Werbung der Tabakunternehmer", als Betriebsratsmitglied ist er beispielhaft seiner Verpflichtung gegenüber § 87.7 des BetrVG nachgekommen. Denn die Aufgabe der Betriebs- und Personalräte sowie der Schwerbehindertenvertretung ist es, sich für die HUMANISIERUNG des Arbeitslebens einzusetzen. Zumal Tabakrauch die Innenraumluft zusätzlich belastet, Industrie- und Autoabgase kennen nälich keine Grenzen.

Die Gewerkschaften lehren uns doch: die Arbeitszeit, das Arbeitstempo, der Arbeitsrhythmus und die Arbeitspausen so zu gestalten, daß vorzeitige Ermüdung, Fehlbeanspruchung und gesundheitliche Schäden nicht hervorgerufen werden. Daher müssen wir auch Maßnahmen ergreifen, die der Verhütung von Arbeitsunfällen und anderen arbeitsbedingten Gesundheitsstörungen z.B. auch das Zwangsmitrauchen ("Passivrauchen") dienen.Viele umwelt- und gesundheitsbewußte Kollegen/-innen möchten eigentlich mit den Gefahrenstoffes des Tabakrauches überhaupt nichts zu tun haben. Schließlich wollen sie nicht danach stinken und schon gar nicht die möglichen schlimmen gesundheitlichen Folgen auf sich nehmen!
Von einer Außeinandersetzung zwischen Bekämpfer und Befürworter der Innenraumluftvergiftung durch den Gefahrenstoff Tabakrauch ist allerdings abzuraten! Vielmehr sollten Arbeitgeber mit den Betriebs- und Personalräten verbindliche Betriebsvereinbarungen, wie sie der Bundesverband der Betriebskrankenkassen empfiehlt verwirklichen, wonach sich alle Beschäftigten richten müssen.

 Daher setzt sich unser Verein für die Belange von Kollegen/-innen ein, die nicht gezwungen werden wollen, fremden Tabakrauch einzuatmen. Folgerichtig haben sich auch Mitglieder der Einzelgewerkschaften ÖTV, HBV, IGM, .IG BSE, DPG, GdP und IG Medien unserer Vereinigung angeschlossen. So ist es auch selbstverständlich, daß wir uns mit dem sozialpolitischen Programm des DGB befaßt haben. Denn wer allein betriebsbedingte Luftschadstoffe bekämpft und nicht zugleich das Zwangsmitrauchen, greift ebenso zu kurz wie dies umgekehrt der Fall wäre!

 Die darin bestehenden Wiedersprüche haben uns, trotz unser langjährigen Mitgliedschaft, oft vor die Frage gestellt, ob es nicht besser wäre aus der Gewerkschaft auszutreten. Unser jahrelangen Versuche das Bewusstsein unserer Kollegen/-innen für das Sozialpolitische Programm des DGB zu schärfen, haben uns persönlich nicht nur berufliche, sondern auch finanzielle Nachteile gebracht. (Siehe Anhang „Kündigung löste sich in Rauch auf“ )
Doch wer kämpft kann verlieren - wer nicht kämpft hat bereits verloren! Deshalb brauchen wir im Arbeitsumweltschutz die Unterstützung aller Kolleginnen und Kollegen! Nicht nur über den Umwelt- und Gesundheitsschutz reden, wir müssen dafür auch etwas tun.

Wir bitten um Stellungnahme. Eine Veröffentlichung unseres Schreibens in Gewerkschaftszeitschriften würde das Bewußtsein unserer Kollegen/-innen sicher bereichern.

Mit Kollegialen und tabakrauchfreien Grüßen
Stefano Marinello
GewerkschafterInnen gegen das Zwangsmitrauchen